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10.07.2009

ERP-Branchenlösungen – ein passender Deckel für jeden Topf?

Langfristig orientierte Industrieunternehmen nutzen die aktuelle Krise, um eine branchenorientierte ERP-Lösung einzuführen.

DRASTISCHE Absatzeinbrüche, Produktionsstopps und Liquiditätsengpässe sind die Folge der derzeitigen Weltwirtschaftskrise. Gerade in Zeiten dieser kritischen wirtschaftlichen Lage ist der transparente Einsatz von Unternehmensressourcen unumgänglich. Die effiziente Nutzung dieser Ressourcen setzt neben schlanken Prozessen insbesondere auch eine optimal angepasste IT-Unterstützung voraus. Der erzielte Effekt ist nicht nur kurzfristiger Natur, sondern trägt aus operativer Sicht langfristig und nachhaltig zur Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens bei. In diesem Sinne lässt sich die aktuelle Krise auch als Chance wahrnehmen, sich durch organisatorische und IT-technische Anpassungen für die Zukunft zu wappnen.

Unübersichtlichen Anbietermarkt durchdringen

Viele Unternehmen planen schon seit längerem die zukunftsweisende Investition in ein aktuelles Enterprise-Resource-Planning(ERP)-System, um die Potenziale effizienterer Prozesse und optimierter Daten- und Informationsflüsse zu realisieren. Die Mehrdimensionalität der Systemauswahl einer ERP-Lösung birgt jedoch Herausforderungen: Neben zu berücksichtigenden strategischen und unternehmensspezifischen Aspekten wie der zukünftigen Ausrichtung des Unternehmens sorgt insbesondere die Vielfalt an Softwarelösungen sowie die Branchenorientierung der Systemhäuser für einen unübersichtlichen Markt. Um zu zeigen, welche branchenspezifischen Unterschiede das Marktangebot an ERP-Lösungen charakterisiert, wird anhand branchentypischer Themenkomplexe analysiert, inwieweit Lösungen für unterschiedliche Branchen eine entsprechende Funktionalität aufweisen.

In Zeiten kurzer Produktlebenszyklen, starker Kostenorientierung und zunehmendem Fokus auf Termintreue nimmt zwar das Projektmanagement in den meisten Branchen eine gewisse Bedeutung ein. In einigen Branchen zählt das Projektmanagement jedoch sogar zu den Kernkompetenzen. So weisen die Produkte und Dienstleistungen des Maschinen- und Anlagenbaus einen wesentlich stärker ausgeprägten Projektcharakter auf als die Serienprodukte der Automobil- und Textilindustrie. Daher ist leicht nachvollziehbar, dass der weitaus größte Teil der Softwarelösungen, die auf den Maschinen- und Anlagenbau spezialisiert sind, dem höheren Stellenwert der Kapazitätsplanung, der Visualisierung sowie des Änderungsmanagements stärker Rechnung tragen als Softwarelösungen, die auf Branchen mit Varianten- und Serienproduktion spezialisiert sind. Die Auswertung zeigt jedoch ebenso, dass es zwischen den einzelnen Funktionalitäten große Unterschiede bezüglich deren Verbreitung gibt. Funktionalität zur Einzelprojekt-Kapazitätsplanung findet sich unabhängig von der Branchenausrichtung der Lösungen relativ oft, da sie häufiger gefordert wird und technisch mittlerweile nur noch eine geringe Herausforderung darstellt. Im Gegensatz dazu werden anspruchsvollere Funktionalitäten wie die Visualisierung per Netzplantechnik und Änderungsmanagement seltener in den Branchenlösungen angeboten, die nicht auf den Anlagenbau spezialisiert sind.

Anwenderwunsch „vertikalisiert“ den Anbietermarkt

Ein anderes Bild zeigt sich in der Analyse der Branchenlösungen im Hinblick auf die Verbreitung der Funktionalität zum Variantenmanagement. Demnach ist eine solche Funktionalität wesentlich häufiger in Softwarelösungen für die stark auf Varianten- und Kleinserien fokussierte Textilindustrie enthalten als in Branchenlösungen für den Maschinen- und Anlagenbau und die Automobilindustrie. Einen Produkt- und Variantenkonfigurator bieten jedoch am häufigsten die Systeme für den Maschinen- und Anlagenbau.

Eine weitere Differenzierung zwischen den Branchen zeigt sich in der Abbildung von Neben- und Kuppelprodukten. Branchenlösungen für die Food- und Process-Industrie, zu der neben der Lebensmittelbranche ebenfalls die Chemie- und Pharmaindustrie gehören, weisen am häufigsten diese Funktionalitäten auf. Kleine Unterschiede sind ebenfalls in der Häufigkeit zwischen den Merkmalen zu erkennen. Während die Funktionalität Verwaltung von Nebenprodukten in Branchenlösungen der Food- und Process-Industrie zu etwa 90 Prozent aufzufinden ist, wird die Möglichkeit, Kuppelprodukte einzuplanen, momentan nur von ungefähr zwei Drittel aller Lösungen für die gleiche Branche angeboten. Zu Kuppelprodukten gehören neben Nebenprodukten auch Abfälle, Abwärme und Abwasser, welche jedoch im Gegensatz zu Nebenprodukten keine Umsätze, sondern nur Kosten verursachen.

Die Analysen zeigen, dass sich der Wunsch vieler Anwenderunternehmen nach mehr Kundenindividualität einerseits sowie einer möglichst homogenen und standardisierten Software-Infrastruktur andererseits in einer ausgeprägten „Vertikalisierung" des ERP-Marktes niederschlägt. Das heißt, die ERP-Lösungen werden gezielt auf die Anforderungen ausgewählter Branchen zugeschnitten, um etwa den Aufwand für Anpassungen während der Implementierung möglichst gering zu halten. Dabei sind im Markt zwei unterschiedliche Strategien der ERP-Hersteller zu beobachten. Ein Teil der Hersteller verfolgt eine Strategie mit „echter" Branchenspezialisierung. So konzentrieren sich spezialisierte Lösungen, wie zum Beispiel sage bäurer wincarat, infor blending, GUS OS, ams.erp und PSIpenta, auf eine klar definierte Zielgruppe, in diesen Fällen die Kunststoffherstellung, die Prozessfertigung bzw. den Maschinenbau. Die großen ERP-Anbieter erreichen die Vertikalisierung dagegen im Rahmen einer „Partner-Strategie", beispielsweise SAP, Microsoft oder SoftM. Während der Hersteller durch seine Lösung das mehr oder weniger umfangreiche Funktionsangebot für eine breite Zielgruppe bereitstellt, reichern die Systemhäuser als sogenannte Value Added Reseller (VAR) die angebotenen Standardlösungen entsprechend ihrer eigenen Branchenspezialisierung um branchenspezifische Funktionalitäten an.

Auf dem Umweg über die Vertriebspartner finden sich die Lösungen der großen Hersteller in einem sehr breiten Branchenspektrum, wobei sie gleichzeitig eine ähnlich hohe funktionale Unterstützung der jeweiligen Geschäftsprozesse bieten wie die spezialisierten ERP-Hersteller.  

Angebotsvielfalt birgt Risiken

Für investitionsbereite ERP-Anwender aus dem Mittelstand entsteht durch die unterschiedlichen Strategien und Positionierungen der Software-Anbieter bzw. -Lösungen die komfortable Situation, dass es tatsächlich für fast alle Anforderungen mindestens eine Standardsoftware im ERP-Markt gibt. Gleichzeitig besteht die Herausforderung, sich in diesem facettenreichen und wenig transparenten ERP-Markt zurechtzufinden. Die Angebotsvielfalt birgt das Risiko vermeidbarer Modifikationen bzw. Ergänzungen von Standardsoftware. Kundenspezifische Entwicklungen verursachen neben den Entwicklungskosten ebenso erhebliche Kosten bei künftigen Release-Wechseln und erschweren die kostengünstige Weiterentwicklung des Systems. Daher ist ein methodisch fundiertes Vorgehen dringend zu empfehlen, das systematisch alle Anforderungen an eine neue Lösung erfasst und die verschiedenen Lösungsalternativen auf dieser Grundlage bewertet. Mit einem derartigen Vorgehen lässt sich die komplexe Entscheidungssituation bei ERP-Investitionen strukturieren und eine gute Grundlage für die erfolgreiche Durchführung des Implementierungsprojektes erarbeiten.

(Quelle: is report 7+8/2009 S. 18-22)